Manfred Sapper über den Krieg in der Ukraine

von Thomas Tritsch – Bericht im BA vom 12.3.2026
Bensheim. „Die Menschen in der Ukraine sind mürbe und müde. Aber sie sind nicht gebrochen.“ Sagt Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift „Osteuropa“ mit Sitz in Berlin. Es gehe jetzt darum, wer den längeren Atem und die militärisch stärkeren Argumente habe. Der promovierte Politikwissenschaftler ist überzeugt, dass Putin den Angriffskrieg Russlands nicht freiwillig beenden wird. In der aktuellen Situation erkennt er eine dramatische Zuspitzung von alten Konflikten mitten in Europa, wo Russlands revisionistische Außenpolitik nicht nur die Verhinderung einer weiteren NATO-Osterweiterung, sondern die Wiederherstellung seiner Herrschaft über den gesamten postsowjetischen Raum anstrebe.
Der Krieg könne noch Jahre dauern, so Sapper vor zahlreichen jungen Zuhörern beim AKG-Forum im Alten Kurfürstlichen Gymnasium, wo er die Hintergründe und aktuellen Entwicklungen ausleuchtete und klar Position bezog: ohne die Unterstützung der europäischen Nachbarn habe es die Ukraine schwer, aus dem Schwitzkasten des großen imperialistischen Nachbarn herauszukommen. Die Rolle Deutschlands kommentierte er kritisch: „Zu spät, zu zögerlich, zu wenig“, sagte er und verwies auf die anfängliche Zurückhaltung bei der Frage jeglicher Waffenlieferungen.
Der Gastredner, der von Schulleiterin Nicola Wölbern herzlich begrüßt wurde, sprach von einer Welt, in der viele alte Gewissheiten nicht mehr gelten. Nie wieder Krieg in Europa? „Das war gestern.“ Krieg sei heute keine abstrakte Möglichkeit, sondern bitterer Ernst. Und er ist Deutschland so nahe wie lange nicht. Mit spürbaren Veränderungen in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Junge Menschen können wieder zur Musterung eingeladen werden. Mit mehr als 1,3 Millionen erfassten Flüchtlingen ist Deutschland eines der wichtigsten Zielländer für die Fluchtbewegung aus der Ukraine. Russische Kampfjets fliegen über der Ostsee, Drohnen kreisen über dem NATO-Mitglied Polen. Generalsekretär Mark Rutte hatte Putin vor einem Angriff gewarnt und kündigte die Härte einer entschlossenen Allianz an, so der Chef des westlichen Militärbündnisses.
Atomare Abschreckung ist wieder ein Thema. Leider, aber zurecht, betonte Manfred Sapper. Denn das sei „das Einzige, was der kriminelle Herrscher in Russland versteht“. Die Führung in Moskau lache sich kaputt, wenn Deutschland weitere strategische Schritte öffentlich in Talkshowrunden preisgibt oder – wie 2022 – die damalige Verteidigungsministerin und langjährige Bergsträßer Bundestagsabgeordnete Christine Lambrecht die ukrainische Armee mit 5.000 Helmen kriegstauglich habe machen wollen. Dies sei einer Verhöhnung der Ukraine gleichkommen, die zu diesem Zeitpunkt bereits einen Teil ihres Territoriums verloren hatte. Es gehe aber nicht vorrangig um Land und Boden, so Sapper, sondern um die Eingliederung eines seit 1991 souveränen Landes in ein Reich nach altsowjetischem Vorbild. Ein Weg, der mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim im Jahr 2014 begonnen und mit dem Angriff im Februar 2022 den bisherigen Höhepunkt erlebt hat. Seit über zehn Jahren versuche Russland, die Freiheit und Selbstbestimmung der Ukraine zu zerstören. Ein Ziel mit Ankündigung. „Man hätte es kommen sehen können“, so Sapper. Denn Putin, der demnächst so lange im Amt sein wird wie Stalin, hatte bereits 2005 die Auflösung der Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Den Krieg gegen die Ukraine habe Putin aber unterschätzt, so der Politologe, der 1999 den Landeslehrpreis an der Universität Mannheim für seine Aktivitäten am Lehrstuhl für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte erhalten hatte. „Für die Ukraine ist Aufgeben keine Option.“ Das Land wolle seinen Weg Richtung Europa fortsetzen. Der Krieg ist ein Abnutzungskrieg geworden. Begründet hatte Putin den Angriff mit Lügen: Kiew müsse von „Nazis“ befreit werden, die Ukraine würde einen Genozid an Russen verüben. Sein Geschichtsrevisionismus und sein Profil als autokratischer Herrscher ließen sich ebenfalls mit Stalin vergleichen, so Sapper. Auch Stalin hatte alles dafür getan, die Sowjetunion als Opfer darzustellen.
„Im Krieg stirbt die Wahrheit immer zuerst.“
Und was ist mit Deutschland? Es steht zwischen zwei Imperien. Und zwischen „zwei Widerlingen“ – einer im Osten, der andere im Weißen Haus. Trumps Distanzierung von der Ukraine hatte die Lage nicht leichter gemacht, so Manfred Sapper. Die USA hatten zugesagte Waffenhilfen für die Ukraine im Sommer 2025 zwischenzeitlich ausgesetzt. Es brauche jetzt ein starkes Europa, dass der Ukraine zur Seite stehe.
Die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO), die Sappers Magazin herausgibt, wird übrigens in Russland offiziell als „extremistische Organisation“ eingestuft. Im Oktober 2024 wurde bekannt, dass unbefugte Personen Zugang zu den E-Mail-Postfächern der wissenschaftlichen Fachgesellschaft erlangt hatten. Hinter den Cyber-Angriffen wurde Russland vermutet. Manfred Sapper wird von deutschen Sicherheitsbehörden dringend geraten, auf Reisen nach Russland oder Moskau nahestehende Länder zu verzichten. Dort droht ihm eine strafrechtliche Verfolgung. Die wissenschaftlichen Beziehungen liegen auf Eis. „Das hätte ich niemals für möglich gehalten.“

