Einblicke in Studium und Beruf bei den Career Nights
Über 3,5 Millionen Flugbewegungen im Jahr. Täglich sind im Himmel über Deutschland rund 10.000 Maschinen unterwegs. Alle Flugpassagiere wollen sicher ans Ziel. Dafür arbeiten Fluglotsen Hand in Hand mit Piloten zusammen. Sie geben klare Anweisungen bei Kurs- und Höhenvorgaben und müssen spontan die richtige Entscheidung treffen. Sie sind die Verkehrsmanager im dreidimensionalen Raum.
Yves Leveque hat 1997 in Bensheim Abitur gemacht. Notendurchschnitt 1,5. Für eine Ausbildung zum Fluglotsen reicht ein Schnitt unter 2,7. Wer Englisch auf Abitur-Niveau spricht, mental stark und gesundheitlich fit ist, hat eine Starterlaubnis. „Es lohnt sich“, so der ehemalige Schüler des AKGs, und er meint nicht nur das Gehalt. Als Fluglotse genießt man attraktive Vorteile, bezahlte Auszeiten zum Regenerieren und eine nette betriebliche Altersvorsorge. Fluglotsen mit mindestens 15 Jahren Berufstätigkeit können bereits mit 55 Jahren in die Übergangsversorgung gehen, die bis zum Eintritt in die endgültige Rente 70 Prozent der letzten Vergütung bietet.
Die Deutsche Flugsicherung war auch am AKG auf der Suche nach Nachwuchs
An den Ruhestand denken die Gymnasiasten von heute noch nicht. Für sie zählt die richtige Weichenstellung auf dem Weg in die persönliche Zukunft. Die alljährlichen Carrer Nights am AKG bieten Orientierung aus erster Hand: ehemalige Schüler berichten aus Studium und Beruf. Das Prinzip: individuelle Biografien und Karrieren zum Anfassen, plastische Berufsbilder aus kurzer Distanz. Für Yves Leveque ein unschlagbares Format. Sonst wäre er nicht immer wieder dabei. Er ist Ausbilder bei der Deutschen Flugsicherung auf dem Campus in Langen. „Wir brauchen immer guten Nachwuchs“, sagt er seinen Zuhörern. An zwei Tagen waren 36 Referenten dabei, jeder Termin wurde zwei Mal hintereinander angeboten. Schüler können bis zu vier Präsentationen besuchen. Organisiert werden die Karrierenächte seit vielen Jahren von Fachbereichsleiterin Andrea Klein und Berufskoordinator Stefan Meinberg.
Die Fluglotsen-Ausbildung startet mehrmals jährlich, idealerweise sollte man ein Jahr vor dem Ausbildungsstart anklopfen. Im letzten Jahr wurden 146 Azubis aufgenommen. „Der Bedarf ist enorm“, so Leveque. In den ersten fünf Monaten lernt man den Funkverkehr mit den Piloten, später folgt ein praktisches Training im Simulator. Danach geht es gleich an den späteren Arbeitsplatz in einer der Kontrollzentralen oder in den Tower. Schon beim Praxisteil gibt es 5000 Euro im Monat. Es locken viele Benefits und Zusatzleistungen, so der Ehemalige im Klassenzimmer. Zahlreiche Schüler aus den Klassen neun bis 13 haben das Angebot genutzt. „Hier wird man nicht mit Werbeprospekten zugemüllt, sondern erfährt alles, was man wirklich wissen muss“, so eine Schülerin auf dem Weg zur Ärztin. Gesundheitlich ist alles ok, aber das Medizinstudium reizt.
Einblicke in Studium und Beruf
Es ist einer der alten Klassiker, doch wer die berüchtigt anspruchsvolle akademische Laufbahn unterschätzt, bleibt nicht selten auf der Strecke. Doris Roth (Abi 2006) ist Anästhesistin am Universitätsklinikum Ulm und hat bereits in der ersten Sprechstunde über 30 Schüler im Wartezimmer. Sie wollen wissen, ob man wirklich so viel lernen muss. Und ob Latein Pflicht ist. Zwei Mal Ja. Zumindest die medizinischen Fachbegriffe sollten sitzen. Sie selbst hatte am AKG keine altsprachlichen Fächer, deshalb hat sie sich das Vokabular in einem Terminologiekurs an der Uni angeeignet. Auch wer gegenüber Fächern wie Physik oder Chemie chronisch verschnupft reagiert, muss keine Angst haben. „Das Klausurwissen kann man sich gut aneignen“, so die Ärztin, die es in der Regelstudienzeit geschafft hat. Aber mit viel Lernaufwand. Anatomie, Histologie, Biochemie und andere Themenfelder warten auf jeden Studenten, der die sogenannte Vorklinik (vier Semester Grundlagen) durchläuft. „Im dritten und vierten Semester saß ich täglich in der Uni-Bibliothek.“ Freizeit gab es kaum.
Nach dem praktischen Jahr startet das fünfte Semester im Medizinstudium mit der Einführung in die klinische Medizin. Die Klinikphase erstreckt sich bis zum zehnten Semester und umfasst Blockpraktika, um den medizinischen Alltag besser kennenzulernen. Frau Doktor verschreibt interessierten Jugendlichen nicht nur eine gute Lern-Ausdauer und ein hohes Maß an Motivation, sondern auch die nötige Portion Selbstreflexion: Kann man sich ein Studium – auch ohne Bafög oder Elternförderung – finanziell leisten? Denn eine reine Eigenfinanzierung sei enorm schwierig. Wenn man unbedingt will und kann, dann sei Humanmedizin der Traumberuf schlechthin. „Man muss dafür brennen und gleichzeitig darauf achten, nicht auszubrennen“, berichtet Doris Roth aus dem Krankenhausalltag.
Einsatz in Cybercrime, Korruption, organisierte Kriminalität oder Terrorismus
Auch Alexander Martin ist dem AKG nach dem Abitur 2012 treu geblieben. Bereits kurz nach dem Abschluss kam er anlässlich der Career Nights zurück – zunächst als Mitglied der Bundeswehr. Heute ist er beim Bundeskriminalamt in Berlin beschäftigt. Der Impuls für den Weg zum Kriminalhauptkommissar kam im Deutschunterricht. Es war ein Buch über die RAF, den GSG9-Einsatz von Bad Kleinen 1993 und den Tod des Terroristen Wolfgang Grams. Ein Fall, der von vielen Fehlinformationen und Versäumnissen der staatlichen Behörden, aber auch von Spekulationen in der medialen Berichterstattung begleitet wurde. Der junge Bensheimer wollte es genau wissen und rief im Rahmen seiner privaten Recherche für das schulische Referat unter anderem auch beim BKA an. Dort war man mit derlei Auskünften natürlich vorsichtig – doch die Kontaktaufnahme hatte Folgen: ein paar Wochen später klingelte das Telefon. „Man fragte mich, ob ich mich nicht bewerben wollte.“ Die hartnäckigen Nachforschungen hatten wohl jemanden beeindruckt.
Es war sein sechstes Gastspiel an der alten Schule. Alexander Martin informierte über das dreijährige duale Studium, das man mit einem Notendurchschnitt von mindestens 2,8 beginnen kann. Zu den Einsatzbereichen zählen etwa Cybercrime, Korruption, organisierte Kriminalität oder Terrorismus. Körperliche und mentale Fitness sind wichtig. „Eine spannende Aufgabe“, bestätigt der Kommissar, die aber mit dem „Tatort“-geprägten Polizeibild der Menschen wenig gemein habe.
Künstliche Intelligenz (KI) ist die Schnittmenge, die Polizeiarbeit, Medizin, Flugsicherung und die Welt der Computertechnik verbindet. Michael Sigmund, Abitur 1983, war einer der erfahrensten Experten der Infoabende. „KI ist keine Gefahr, eher ein Kollege“, so der IT-Experte, der für ein bekanntes internationales Unternehmen arbeitet. Die Branche biete nach wie vor gute Karrierechancen. Doch der Fortschritt ist wieseflink: „Ich muss mein Wissen alle paar Monate über Bord werfen.“ Lebenslanges Lernen und leidenschaftliches Interesse: zwei Aspekte, die für jeden Beruf gelten, der am AKG ausgeleuchtet wurde.
Thomas Tritsch im BA vom 16.02.2026
Bilder: Moritz Bischof

