AKG Handballerinnen beim Bundesfinale in Berlin
Handball U16 weiblich: Landessieger Hessen kämpft in Berlin gegen alle Widerstände – und gewinnt das letzte Spiel für Marie
Berlin, 05.–09. Mai 2026

Was als Teilnahme am Bundesfinale der Jugend trainiert für Olympia (JtfO) in der Disziplin Handball (weiblich, U16) in Berlin geplant war, entwickelte sich für das Alte Kurfürstliche Gymnasium Bensheim (AKG) schnell zu einem Kampf unter extremen Bedingungen. Als hessischer Landessieger qualifiziert, reiste das Team vom 5. bis 9. Mai 2026 in die Bundeshauptstadt – in dem Bewusstsein, dass die Voraussetzungen für eine gute Platzierung denkbar schwierig sein würden. Dass das Turnier am Ende aber vor allem durch eine Verletzung in Erinnerung bleiben würde, die alles andere in den Schatten stellte, ahnte beim Aufbruch noch niemand.
Verletzungspech – schon lange vor Berlin
Bereits im Vorfeld, beginnend mit den Entscheiden auf Schulamts-, Regional- und Landesebene, wurde das Team von einer ganzen Serie an Verletzungen und Ausfällen heimgesucht. Annabelle Seiche, Lilli Achten und Mila Rettig fehlten verletzungsbedingt und konnten ebenfalls nicht am Bundesfinale in Berlin teilnehmen. Marie Krauß hatte in all diesen Runden komplett verletzungsbedingt gefehlt – sie befand sich in der Endphase der Reha nach ihrer Knieverletzung und war daher schlicht nicht einsatzfähig gewesen. Beim Bundesfinale in Berlin durfte sie, ohne Gegner- und Körperkontakt, erstmals wieder eingesetzt werden, jedoch ausschließlich als 7-Meter-Schützin. Eigentlich stand sie kurz davor, in etwa einem Monat wieder vollständig ins Handballtraining einsteigen zu können. Was dann in Berlin passierte, hätte niemand für möglich gehalten.
Amelie Buchschatz, die ebenfalls bereits in den Vorentscheiden verletzungsbedingt ausgefallen war, musste am Abfahrtstag wegen einer Erkrankung kurzfristig absagen. Eva Achtmann, die als DHB-Spielerin eine besondere Erfahrung ins Team eingebracht hätte, stand wegen einer Daumenverletzung ebenfalls nicht als Spielerin zur Verfügung. So brach das AKG mit erheblichen Lücken im Kader auf – lediglich zwei Auswechselspielerinnen standen zur Verfügung. Am Vorabend der Abfahrt wurde kurzfristig noch Emely Thyssen aus der U14 nachnominiert, um den Kader überhaupt halbwegs aufzufüllen. Ein enormer Vertrauensbeweis für die junge Spielerin – und ein deutliches Zeichen dafür, unter welchem Druck die Reise nach Berlin begann.
Die Situation spitzte sich im Turnierverlauf weiter zu: Carolin Streng wurde während des Turniers krank und musste passen, und bei Laura Hammes flammte eine alte Fußverletzung wieder auf – sie schied ebenfalls aus. Damit war das AKG im späteren Turnierverlauf vollständig ohne Auswechselmöglichkeit. Ein Umstand, der den verbliebenen Spielerinnen körperlich und mental alles abverlangte.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Mannschaft nahezu vollständig aus dem jüngeren Jahrgang 2012 besteht. Bei einem U16-Turnier, bei dem ältere Jahrgänge in Athletik und Erfahrung naturgemäß im Vorteil sind, war das ein weiterer struktureller Nachteil. Hoffnungen auf eine vordere oder gute mittlere Platzierung hatte vor dem Turnier kaum jemand gehegt – und doch sollte das Team mehr liefern als nur Teilnahme.
Das Bundesfinale wurde mit 16 Mannschaften in vier Gruppen (A, B, C und D) ausgetragen. Die jeweils zwei Erstplatzierten jeder Gruppe zogen in die Zwischenrunde um die Plätze 1 bis 8 ein, die Dritt- und Viertplatzierten spielten in der Zwischenrunde um die Plätze 9 bis 16. In zwei Zwischenrundenspielen wurde dann entschieden, in welche Platzierungsspiele man weiter eingruppiert wurde.
Mittwoch, 06. Mai: Vorrunde
Alle drei Vorrundenspiele gingen verloren – damit war klar, dass das AKG nicht in die Zwischenrunde um die Plätze 1 bis 8 einziehen würde, sondern in der Gruppe der Plätze 9 bis 16 weiterspielen musste.
- Spiel: AKG Bensheim – Oberschule Bremen 8:18 (4:7)
Ins erste Spiel fanden die Bensheimerinnen überraschend gut hinein und gingen früh mit 2:0 in Führung. In der Folge übernahm die Bremer Mannschaft jedoch mehr und mehr das Kommando und zog bis zur Halbzeit auf 4:7 davon. Im zweiten Durchgang ließ das AKG trotz knapper Kräfte nicht locker: Es wurde weiter leidenschaftlich verteidigt und nach vorne gespielt. Die Gegnerinnen aus Bremen waren an diesem Tag aber klar überlegen und gewannen am Ende verdient mit 8:18. Für das AKG war es ein erstes Abtasten auf Bundesfinalebene – und ein Hinweis, dass die kommenden Partien alles abverlangen würden.
- Spiel: Poelchau-Schule Berlin – AKG Bensheim 17:10 (8:3)
Gegen den Gastgeber aus Berlin zeigte das AKG erneut, dass es in der Lage ist, das Spiel auf Augenhöhe zu eröffnen. Die Anfangsphase war ausgeglichen, und erst bei 3:5 begann Berlin, sich langsam abzusetzen. Die Halbzeitbilanz von 3:8 war ernüchternd. In der zweiten Hälfte kämpfte die Mannschaft mit großem Willen und verkürzte mehrfach den Rückstand, ohne jedoch wirklich in Tuchfühlung zu kommen. Am Ende stand fest, dass Berlin das Spiel mit 10:17 für sich entschied. Dass die Poelchau-Schule Berlin sich letztlich als eine der besten Mannschaften des gesamten Turniers erweisen sollte und den Bundessieg holte, macht diese Leistung im Nachhinein umso respektabler. Zudem ging Berlin nicht nur in diesem Jahr als Bundesfinalsieger aus dem Turnier hervor, sondern hatte den Titel auch bereits in den vergangenen Jahren mehrfach gewonnen.
- Spiel: Gymnasium Marianum Meppen (Niedersachsen) – AKG Bensheim 22:12 (10:3)
Das dritte Vorrundenspiel gegen das Gymnasium Marianum Meppen aus Niedersachsen war das schwerste des Tages. Meppen lief von Beginn an zu großer Form auf und ließ dem AKG kaum Raum für eigenes Spiel. Nach dem frühen 1:0 durch Lea Weber übernahmen die Niedersachsen das Heft und bauten bis zur Halbzeit auf 3:10 aus. Im zweiten Durchgang zeigte das AKG, dass es trotz der körperlichen Belastung und des klaren Rückstands nicht aufgibt. Das Endresultat von 12:22 spiegelt die Kräfteverhältnisse dieses Spiels wider – die Einstellung der Mannschaft jedoch nicht.
Donnerstag, 07. Mai: Platzierungsspiele
Am zweiten Turniertag gingen die Zwischenrunde und Platzierungsspiele weiter. Das AKG trat mit weiter ausgedünntem Kader, aber unveränderter Bereitschaft an. Zwei Spiele, zwei knappe Niederlagen, bei denen das Team jedoch zeigte, dass es auf diesem Niveau mithalten kann. Erschwerend kam hinzu, dass ausgerechnet das Gymnasium Marianum Meppen, gegen das man in der Vorrunde unterlegen war, ebenfalls in diese Gruppe einsortiert wurde. Die Niederlage gegen Meppen floss damit direkt als Minuspunkt in die Zwischenrundenwertung ein – das AKG startete in die Platzierungsspiele also bereits mit zwei Minuspunkten im Gepäck, einer denkbar ungünstigen Ausgangslage. Im Tor stand über das gesamte Turnier Anna Laube, die das AKG-Gehäuse mit großem Einsatz hütete. Doch die Ergebnisse allein erzählen nicht die ganze Geschichte.
- Spiel: Gymnasium Nieder-Olm (Rheinland-Pfalz) – AKG Bensheim 14:11 (7:3)
Das Spiel gegen die Mannschaft aus Rheinland-Pfalz war das bis dahin engste Duell des Turniers. Das AKG startete mutig und ging früh in Führung, ehe Nieder-Olm die Partie übernahm und zur Halbzeit mit 3:7 vorne lag. Was in der zweiten Hälfte folgte, war eine der stärksten Bensheimer Leistungen des gesamten Turniers: Das AKG verkürzte Tor für Tor, kam bis auf wenige Treffer heran und machte dem Gegner das Leben schwer. Trotz des intensiven Comebacks reichte es am Ende nicht für die Wende – Nieder-Olm gewann 11:14. Ein Ergebnis, das knapper nicht sein könnte, und das deutlich machte, welches Potenzial in diesem Team steckt.
- Spiel: Gymnasium Eckental (Bayern) – AKG Bensheim 18:12 (8:6)
Gegen das Gymnasium Eckental aus Bayern begann die Partie aus Bensheimer Sicht denkbar schlecht. Binnen weniger Minuten stand es 1:6 für Bayern, und es schien, als würde das Spiel früh entschieden sein. Doch das AKG kämpfte sich Schritt für Schritt zurück ins Spiel – und plötzlich war es tatsächlich wieder offen. Der Moment, als Bensheim bis auf 12:11 herankam, war einer der emotionalsten des gesamten Turniers. Die Zuschauer, darunter viele mitgereiste Eltern, die das Team über das gesamte Turnier lautstark und mitreißend unterstützt hatten, spürten die Aufbruchsstimmung. Eckental stabilisierte sich jedoch und gewann letztlich verdient mit 12:18. Ein Ergebnis, das angesichts der Ausgangslage aber niemanden unzufrieden zurückließ.
Das letzte Spiel – ein Sieg für Marie
Platzierungsspiel um Platz 15: AKG Bensheim – Gymnasium Saarbrücken 20:17 (12:12 zur Halbzeit)
Das abschließende Platzierungsspiel um Rang 15 – gespielt über zweimal 15 Minuten – begann mit einem Schock, der alles veränderte. Bereits nach etwa einer Minute verletzte sich Marie Krauß, die das gesamte Turnier in Berlin als mutige 7-Meter-Schützin gespielt und dabei wertvolle Treffer erzielt hatte, bei einem Sprungwurf nach Abpraller eines 7-Meters schwer am Knie. Das andere Knie diesmal. Das Spiel wurde sofort unterbrochen. Was folgte, waren Minuten, die alle Anwesenden lange nicht vergessen werden.
Tränen rannen – nicht nur bei Marie selbst, sondern auch bei den Mitspielerinnen und den mitgereisten Eltern auf der Tribüne. Den Trainern Melani Mitsch und Paul Birx war der Schock über die Verletzung deutlich ins Gesicht geschrieben. Die Frage stand kurz im Raum, ob man unter diesen Umständen überhaupt noch weiterspielen wollte und konnte. Doch das Team antwortete schnell und einheitlich: Wir spielen weiter. Für Marie.
Was danach folgte, war eine der bemerkenswertesten sportlichen Leistungen, die dieses Team je gezeigt hat. Angetrieben von einem gemeinsamen Willen und dem tiefen Wunsch, Marie diesen letzten Sieg zu schenken, kämpfte das AKG mit allem, was noch übrig war. Saarbrücken war stark und führte zwischenzeitlich klar – doch Bensheim ließ sich nicht abschütteln. In einem intensiven, körperlich fordernden Spiel gelang das Unmögliche: Ein 20:17-Sieg, herausgespielt mit Herz, Kampf und Tränen. Dass Marie Krauß später mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren werden musste, überschattete diesen Erfolg tief. Dieser Sieg gehörte ihr.
Mehr als Sport – eine Mannschaft mit Charakter
Platz 15 steht am Ende in der Ergebnisliste. Doch dieses Resultat wird der Geschichte dieser Mannschaft kaum gerecht. Das AKG Bensheim trat als hessischer Landessieger beim höchsten Schulsportwettbewerb Deutschlands an und sah sich dabei Bedingungen gegenüber, die mit einem regulären Wettkampf nur noch wenig gemein hatten.
Besonderer Dank gilt den zahlreichen Eltern, die die lange Reise nach Berlin auf sich genommen haben und das Team über das gesamte Turnier lautstark und mit spürbarer Leidenschaft unterstützt haben. Ihre Anwesenheit auf der Tribüne – gerade in den schwierigen Momenten – hat der Mannschaft echten Rückenwind gegeben, den man auf dem Spielfeld deutlich spüren konnte.
Zum Abschluss fanden die Trainer Melani Mitsch und Paul Birx folgende Worte:
„Dieses Turnier war für uns beide eine Erfahrung, die weit über den Sport hinausgeht. Was die Mädchen unter diesen Bedingungen, mit diesem Kader und mit dieser Haltung geleistet haben, verdient unseren allergrößten Respekt. Den Moment, als nach Maries Verletzung die Frage im Raum stand, ob wir überhaupt weiterspielen wollen, und das Team wie aus einem Mund antwortete: ,Wir spielen. Für Marie.‘ – das werden wir so schnell nicht vergessen.“
Den Spielerinnen gilt der aufrichtigste Respekt: für ihren Mut, ihre Geschlossenheit und ihren unbedingten Willen, nicht aufzugeben. Marie Krauß wünscht das gesamte AKG eine schnelle und vollständige Genesung – diesmal für das andere Knie. Und alle drücken die Daumen, dass sie bald wieder auf dem Spielfeld stehen wird.
AKG Handballerinnen: Torschützenliste – Gesamtturnier
Alia Di Giulio (17 Tore), Nika Bonerz (16 Tore), Lucia Schürer (14 Tore), Marie Krauß (5 7m-Tore), Lea Weber (4 Tore), Laura Hammes (3 Tore), Helena Rosenkranz (2 Tore), Carolin Streng (2 Tore), Emely Thyssen, Anna Laube (Tor).

Mitsch

