Akademische Feier für 100 Abiturientinnen und Abiturienten

Es gibt Abende, die klingen wie ein Aufbruch. Dieser war einer davon. Im Parktheater Bensheim empfingen am Donnerstagabend 100 Abiturientinnen und Abiturienten des Alten Kurfürstlichen Gymnasiums ihre Zeugnisse. Starke Zahlen, kreative Reden, unerwartete Anekdoten und besondere Ehrungen ließen die akademische Feier weit über eine bloße Zeremonie hinauswachsen.
Im voll besetzten Saal begrüßte Studienleiterin Goele Proesmans insbesondere „ihren“ Abiturjahrgang, dann eröffnete das Orchester des AKG die akademische Feier – feierlich und beeindruckend professionell. Zu hören waren zunächst der zweite Satz der Romanze aus Carl Maria von Webers Klarinettenkonzert mit Abiturient Holger Mehling als Solisten sowie der Ungarische Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms. Der Abend war von Beginn an auf Abiturniveau. Noch vor der ersten Rede war klar: Dieser Jahrgang 2026 verabschiedet sich mit einem starken eigenen Klang.
Schulleiterin Nicola Wölbern umriss in ihrer Ansprache die Dimension dieses Erfolgs: 100 Schülerinnen und Schüler traten an, 100 bestanden, der Notendurchschnitt liegt bei 1,99. Siebenmal wurde die 1,0 erreicht, Alexander Jorias erreichte sogar die Maximalpunktzahl von 900 von 900 Punkten. Statt die Zahlen auszukosten, rückte die Chefin jedoch die Geschichten dahinter in den Mittelpunkt – einhundert Biografien von Ausdauer, Mut und Durchhaltevermögen. Neugierige Fünftklässler seien zu jungen Erwachsenen geworden, die denken, argumentieren, hinterfragen und Verantwortung übernehmen.
Was soll nach der erfolgreichen „Punktelandung“ folgen? Kein Leistungsappell, sondern ein Plädoyer für gezieltes Engagement. Freiheit, so Wölbern, sei mehr als die Möglichkeit, alles sagen zu dürfen: „Freiheit ist die Fähigkeit, das Richtige zu sagen und zu tun, auch wenn es unbequem ist.“ Mit Bezug auf Publizist Michel Friedman und Kabarettist Vince Ebert mahnte sie, zwischen Meinung und Wissen zu unterscheiden und den Rechtsstaat als Voraussetzung der Freiheit zu begreifen, nicht als ihr Hindernis. Ihre abschließenden Worte saßen: „Freiheit ist kein Zustand. Freiheit ist eine Aufgabe.“ Das umzusetzen, verlange eben „Menschen wie euch“.
Für die Eltern zeichnete Herr Löffler in einer bildstarken Rede die gemeinsame Schulzeit als Reise vom Pferd über das Auto bis zum Flugzeug. Er wählte das Fliegen als Leitbild. Auf der Straße gibt es Leitplanken, Ampeln, Spuren – in der Luft nicht mehr. Die Eltern, jahrelang Bodenpersonal mit Motivations-Treibstoff und Nervennahrung im Gepäck, übergeben nun die Kontrolle an die jungen Erwachsenen. Die Corona-Jahre beschrieb er als dichte Nebelwand, durch die sich der Jahrgang mit Hannibals Motto „Entweder wir finden einen Weg oder wir machen einen“ gekämpft habe. Mit dem Abiturzeugnis, so Löffler, verlassen die jungen Erwachsenen nun endgültig die Straße: „Die Startbahn ist frei, der Himmel über euch ist die einzige Grenze.“ Löfflers Schluss zeigte Wirkung bei Eltern und ihren erwachsenen Kindern: „Herzlichen Glückwunsch zum Abitur – und guten Flug!“
Die Abiturrede von Florine Jordan und Mark Bohrer war zugleich Rückblick und Selbstvergewisserung eines Jahrgangs, der die Schulzeit in zwei Welten erlebte: als Präsenzgemeinschaft und als Kacheln im Video-Unterricht. Unter dem Leitgedanken des Abiturgottesdienstes „Wege entstehen beim Gehen“ erinnerten sie an Unterstufenfahrten, die Corona-Homeschooling-Zeit im Bett oder am Schreibtisch, den Umzug ins „Telekom-Gebäude“ und an Kursfahrten nach Mallorca, Rom und andere Metropolen. Spürbar wurde, wie mit dem Eintritt in die Oberstufe aus fünf Parallelklassen ein echter Jahrgang wurde – mit Tutorien, Insider-Witzen und vielen „letzten Malen“, die oft erst im Rückblick als Abschied auffallen. Mark Bohrer erzählte von einer Mathematikklausur mit Feueralarm, Pizza-Angebot und der Erkenntnis, dass Bildung mehr ist als Notenstress. Ein besserer Mensch zu sein, so seine Botschaft, bedeute, jeden Tag eine bessere Version seiner selbst anzustreben – nicht Perfektion, sondern Wachstum. Kein Schlusspunkt, kein Schlussstrich: Das Ende der Schulzeit sei ein Doppelpunkt.
Für die Tutoren und das Kollegium verortete Hanno Teckenbrock den Jahrgang historisch – als „Gen Z“ in der Zeit der Polykrisen mit Klimawandel, Corona, Kriegen und dem Erstarken antidemokratischer Kräfte. Sein Optimismus blieb nüchtern, aber echt: Wer humanistische Bildung in der Tasche habe, verfüge über das Rüstzeug, Gesellschaft mitzugestalten. „Nutzt diese Möglichkeit, sonst werden es andere für euch tun.“ Der Pädagoge erinnerte damit an die Privilegien dieser Bildungslaufbahn – vom demokratischen Zugang zu Wissen bis zu gewachsenen Menschen- und Minderheitenrechten. Dennoch gäbe es keine Rezepte, jede Generation müsse ihre eigenen Herausforderungen bewältigen. Sein Abgang war knapp und traf: „Ihr geht, wir bleiben. Wir sind sehr stolz auf euch.“
Im Zentrum des Abends stand die feierliche Verleihung der Abiturzeugnisse, Tutorium für Tutorium. Goele Proesmans, drei Jahre rund um die Uhr für ihre Schützlinge im Einsatz, rief die Schülerinnen und Schüler namentlich auf. Mit der Übergabe der Dokumente wurden unter dem Applaus der Angehörigen blitzschnell „Ehemalige“. Aus der Hand des Vorstands des Fördervereins wurden Buchpreise, Fachauszeichnungen und Belobigungen für soziales, kulturelles, sportliches oder politisches Engagement überreicht. Das Bild eines leistungsstarken, zugleich sehr engagierten Jahrgangs verdichtete sich – vom Schulsanitätsdienst über Orchester und Big Band bis zu „Jugend forscht und trainiert für Olympia“ und den politischen Podiumsdiskussionen. Was spätestens jetzt deutlich wurde: Das Management von Sekretärin Andrea Schwarz ebnete den Weg für alle Aktivitäten und Erfolge des Abiturjahrgangs, was Oberstufenleiterin Proesmans mit angebrachter Rührung klarstellen konnte.
Besondere Ehrungen am Ende des Abends machten deutlich, was in diesem Jahrgang über Notendurchschnitte hinaus gewachsen ist. Vier Persönlichkeiten wurden exemplarisch hervorgehoben.
Dana Brückner erhielt den Walter-Renneisen-Preis für ihr außergewöhnliches kulturelles Engagement – als Schauspielerin in deutscher und englischer Theater-AG, als Sängerin im Jugendchor und als Gast in der Big Band. Laudator Florian Krumb zeichnete ihren Weg von der singenden Froschkönig-Improvisation bis zu großen Rollen wie Dorothy in „Wizard of Oz“ nach und nannte sie eine Künstlerin, die Bühnen füllt und zugleich für andere zurücksteckt.
Sebastian Meyer ist der erste Schüler, nach dem ein Raum im Schulgebäude benannt wurde. Das Schild mit der Aufschrift „Sebastian-Meyer-Raum“ ziert zukünftig das Techniklager der Event-AG des AKG. In Erinnerung bleiben damit seine durchsetzungsstarken Initiativen und pragmatischen Entscheidungen, wenn es um die technische Ausstattung der zahlreichen Veranstaltungen auf dem Campus ging. Davon profitierten nicht nur die kulturellen Events am AKG.
Der Sonderpreis der Schulleiterin ging an Julius Wünsch für sein Engagement im Bereich Holocaust Education. Auf eine Fahrt nach Auschwitz folgten Begegnungen mit israelischen Jugendlichen, eine Ausstellung, die Entwicklung einer Homepage („WeRemember“) und eine Erinnerungsveranstaltung, die weit über ein Projekt hinausreichte. Nicola Wölbern würdigte ihn als Beispiel eines mündigen Bürgers, der auch gegen Widerstände in sozialen Medien den Dialog sucht, Position bezieht und Brücken statt Mauern baut.
Mit der AKG-Medaille „Pro Virtute et Prudentia“ wurde schließlich Malte Löffler ausgezeichnet, der den Jahrgang in MINT-Fragen und in der politischen Bildung maßgeblich geprägt hat. Wettbewerbe von Mathematikolympiade bis Informatik-Biber, Laborprojekte an Hochschulen und die Organisation von Podiumsdiskussionen dokumentieren eine seltene Kombination aus Leistungsbereitschaft, Teamfähigkeit und Gestaltungswille. Die von Isabella Kern gestaltete Skulptur – eine antike Säule mit organischen Ranken – stand dabei sinnbildlich für Tradition, Eigeninitiative und das Über-sich-Hinauswachsen.
Als die letzten Dankesworte gesprochen waren und das Publikum zum Sektempfang gebeten wurde, war die Stimmung im Parktheater von Stolz und leiser Wehmut geprägt. Ein Satz schien besonders im Bewusstsein gelandet zu sein: „Freiheit ist eine Aufgabe.“ Für 100 Absolventinnen und Absolventen beginnt sie jetzt.
Christian Roth

