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Über Finanzen, Umweltschutz, Bildung und Integration

 

Die Mensa des AKG platzte am Donnerstagabend aus allen Nähten. Über 350 Oberstufenschülerinnen und -schüler drängten sich in den Saal, Stühle mussten nachgeholt werden – und auch ein Großteil des Lehrerkollegiums ließ sich das Ereignis nicht entgehen. Der Anlass: eine Podiumsdiskussion zur bevorstehenden Kommunalwahl, zu der das AKG Vertreterinnen und Vertreter aller im Kreistag etablierten Parteien geladen hatte.

 

Auf dem Podium nahmen Platz: Birgit Heidtland (CDU), Norbert Schmitt (SPD), Florian Gottstein (Grüne), Christopher Hörst (FDP), Arghavan Izadi (Linke) und Norbert Taubertshöfer (AfD). Was die Veranstaltung besonders machte, war der Umstand, dass die Schülerschaft nicht nur Publikum war, sondern das Programm selbst entwickelt und gestaltet hatte. Moderiert wurde der Abend von Till Endres, Viktoria Auer, Julian Springer und Sebastian Tscheulin, die nicht nur die Fragen stellten, sondern auch die Diskussion souverän lenkten.

 

Die vier Themenblöcke – Finanzen, Bildung, Klima und Umwelt sowie Migration und Integration – wurden in fragenbasierten Diskussionsrunden und anschließenden Schnellfragerunden behandelt. Für jede Antwort standen den Kandidatinnen und Kandidaten 40 Sekunden zur Verfügung – knapp bemessen, aber bewusst so gewählt, um Prägnanz und Klarheit zu fördern. Dazu kam ein ungewöhnliches Format: Thesen aus dem Publikum wurden von den Podiumsgästen auf einer Skala von 0 (keine Zustimmung) bis 10 (volle Zustimmung) bewertet. Das sorgte für klare Positionierungen – und manchen Moment, in dem die Unterschiede zwischen den Parteien deutlicher kaum hätten sein können.

 

Der Abend begann mit einem Blick auf die angespannte Finanzlage des Kreises: Minus 11 Millionen Euro im vergangenen Haushalt, für 2026 werden sogar minus 12,6 Millionen prognostiziert. „Nicht das Geld ist das Problem, sondern die Aufgabenvielfalt“, brachte es Christopher Hörst (FDP) auf den Punkt. „Zu viele Wunden benötigen zu viele Pflaster.“ Florian Gottstein (Grüne) verwies auf die klassische Kommunalproblematik: „Oft wird vom Bund und Land bestellt, und der Kreis muss es bezahlen.“ Die Linke und die SPD möchten bei den Vermögenden ansetzen. „Eine Vermögenssteuer von einem Prozent sollte gesunden Unternehmen nicht wehtun“, argumentierte Norbert Schmitt und bekam Gegenwind. Die Sorge um dann fehlende Investitionen in Familienunternehmen beschäftigte Podium und Publikum gleichermaßen. Hörst warnte vor einer „Neiddebatte“. Die Grünen kritisierten das „Verwaltungsmonster“, das zu viele Kosten produziere. Ein roter Faden zog sich durch nahezu alle Beiträge: die Forderung an Bund und Land nach mehr finanzieller Unterstützung und einer Anpassung im Hinblick auf den Länderfinanzausgleich.

 

Beim Thema Bildung herrschte auf dem Podium weitgehend Einigkeit: Hier dürfe nicht gespart werden. Birgit Heidtland (CDU) betonte stolz: „Es geht weiter voran im Kreis Bergstraße – wir sind Vorbild für andere Kreise in Süddeutschland!“ Tatsächlich wurden seit 2000 über 730 Millionen Euro in Schulsanierungen investiert, bis 2028 sind weitere Millionenprojekte geplant.

 

Die Schülerinnen und Schüler ließen sich nicht mit Zahlen abspeisen. Sie fragten nach psychosozialer Versorgung, nach Bildungsgerechtigkeit unabhängig von der sozialen Herkunft, nach der Wertschätzung des Handwerks. Arghavan Izadi (Linke) forderte „dritte Orte“ – Begegnungsstätten außerhalb klassischer Institutionen. Christopher Hörst plädierte für Pragmatismus: „Zielorientiert, realistisch – und Zeit für andere Dinge außer Schule.“ Als die Schüler fragten, ob mehr über den Holocaust und die deutsche Vergangenheit als Prävention gelernt werden sollte, gab es Einigkeit über alle Parteigrenzen hinweg: Ranking 10 von 10.

 

 

Beim Thema Klima und Umwelt wurde es kontroverser. Während Florian Gottstein (Grüne) dafür warb, „Windkraft sexy zu machen“ und jetzt zu investieren, „denn die Kosten werden immens steigen“, mahnte Norbert Taubertshöfer (AfD) vor „Weltuntergangsstimmung“ und kritisierte „aktionistische Maßnahmen mit begrenzter Wirkung“. Christopher Hörst (FDP) stellte die Frage in den Raum: „Was passiert mit der Fläche? Wind, Solar, Gewerbe für Finanzkraft oder bezahlbares Wohnen?“ Die Balance zwischen Klimaschutz und Naturschutz – etwa beim Windkraftausbau – beschäftigte mehrere Redner. Birgit Heidtland (CDU) verwies darauf, dass „Schulsanierung aktiver Klimaschutz“ sei und Arghavan Izadi (Linke) forderte den Ausbau von Radwegen und öffentlichem Nahverkehr – auch als Frage der Teilhabe.

 

Im letzten Themenblock wurde über konkrete Maßnahmen zur Integration diskutiert. Norbert Schmitt behauptete, dass sieben Millionen Euro vom Kreis zurückgehalten würden, die den Kommunen zur Verfügung gestellt werden könnten. Einigkeit herrschte darüber, dass Sprachkurse essenziell seien. Gottstein betonte, dass Betreuungsplätze fehlten – „nicht nur für Geflüchtete“. Christopher Hörst (FDP) sprach eine unbequeme Wahrheit an: „Der Integrationswille ist nicht immer vorhanden. Es gibt Einsparpotenzial bei Unwilligen.“ Die Identifikation dieser beispielsweise über die Anwesenheitsliste bei Angeboten wie Sprachkursen sei wichtig. Die Frage nach der verstärkten dezentralen Unterbringung statt Sammelunterkünften fand breite Zustimmung als Integrationsmaßnahme. Wie das geschehen soll? Hier ließ sich niemand auf Konkretes ein.

 

Dennoch gab es nach jedem Beitrag Applaus – ein Zeichen dafür, dass das Publikum die Diskussionskultur schätzte, auch wenn die Meinungen auseinandergingen. Die Atmosphäre war konzentriert, respektvoll und gleichzeitig lebendig. Als am Ende des Abends nach Demokratiebildung in den Schulen gefragt wurde, antwortete Florian Gottstein treffend: „Genau dieser Abend dient dazu.“ Er lobte den „konzentrierten Rahmen, die klugen Fragen und die gebildeten Schülerinnen und Schüler“. Norbert Schmitt, brachte eine gewisse Ungeduld zum Ausdruck, die viele im Saal teilten: „Wir müssen es endlich mal umsetzen.“ Dass diesen Satz ausgerechnet der mit Abstand dienstälteste Politiker auf dem Podium aussprach, irritierte dann aber auch wieder die wenigsten.

 

 

Die Schülerinnen und Schüler zeigten sich im Nachgang konstruktiv-kritisch. „Es war gut organisiert, aber die Redezeiten waren ein bisschen kurz“, meinte ein Schüler. Eine Mitschülerin ergänzte differenziert: „Es wäre vielleicht ganz interessant gewesen, die Parteien mehr untereinander in die Debatte kommen zu lassen. Sonst war aber alles top geplant, auch die Themengebiete passend gewählt, wobei einige angesprochene Punkte nicht unbedingt Sache der Kommunen oder Kreise sind.“ Solche Rückmeldungen zeigen: Das Publikum war nicht passiv – es dachte mit, bewertete kritisch und hatte verstanden, wo die Zuständigkeitsgrenzen von Kommunalpolitik verlaufen.

 

Veranstaltungen wie diese sind keine Selbstverständlichkeit. Dass es dem AKG gelungen ist, alle relevanten Kreistagsfraktionen an einen Tisch zu bringen und dabei die Schülerschaft als gleichberechtigte Gestalterinnen und Gestalter einzubeziehen, verdient Anerkennung – weit über die Schulgemeinde hinaus. Das AKG versteht Bildung als umfassende Maßnahme, die weit über den Unterricht hinausgeht. Wenn über 350 junge Menschen freiwillig einen Donnerstagabend damit verbringen, Kommunalpolitikerinnen und -politiker zu befragen, und wenn ein großer Teil des Kollegiums dabei zusieht, dann zeigt das: Hier wird Demokratie nicht nur erklärt, sondern erfahren. Das Engagement der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte für die politische Bildung der jungen Generation – das war an diesem Abend mit Händen zu greifen. Wer wissen möchte, wie politische Bildung in der Praxis aussehen kann, bekam in der vollbesetzten Mensa des AKG eine überzeugende Antwort. 

 

Christian Roth

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