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Gedenken

„Es braucht möglichst viele Zweit-Zeugen!“

Gruppenbild zum Abschluss der Spendenaktion für die Holocaust-Educationan an AKG und Geschwister-Scholl-Schule

 

„Das war eines der emotionalsten und intensivsten Erlebnisse meines Lebens“, so Lotte Gebauer. Der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau wirke bei jedem nach, der die Gedenkstätte einmal besucht habe, so die Oberstufenschülerin. „Keine Dokumentation kann vermitteln, was das persönlich mit einem macht“, ergänzt Jonas Celik.

Auf ihrer Reise begleitet wurden sie im Frühjahr 2025 von einer israelischen Schülergruppe, die im Rahmen der schulischen Holocaust Education in Bensheim zu Gast war. Der Besuch in Polen hat auch Florian Czyrt nachhaltig bewegt: „Die israelischen Jugendlichen meinten, wir sind als junge Generation für damals nicht verantwortlich, und heute seien wir Freunde.“ Alle drei Schüler besuchen die gymnasiale Oberstufe Q2 in Bensheim.

 

Nicht verantwortlich, aber in der Verantwortung

 

Nicht verantwortlich, aber in der Verantwortung: Der Dreiklang aus gesellschaftlicher Erinnerungskultur, historischem Bewusstsein und persönlichem Dialog bildet die Säule eines in Hessen bislang einzigartigen Programms, das neue pädagogische Konzepte in der Auseinandersetzung mit der Shoa in die Tat umsetzt. Die Holocaust Education ist ein noch junges Kooperationsprojekt der Geschwister-Scholl-Schule mit dem Alten Kurfürstlichem Gymnasium. Es geht dabei um lebendige Erinnerungsarbeit und die freundschaftliche interkulturelle Begegnung von jungen Menschen.

 

Mit diesem Anspruch kommen Schüler aus Bensheim und Israel in zwei zeitlich voneinander getrennten Wochen in Bensheim und Krakau zusammen. Vom 30. November bis 7. Dezember fanden 25 israelische Schüler ein vorübergehendes Zuhause bei deutschen Oberstufenschülern. Am 9. Februar beginnt das nächste Treffen mit einem gemeinsamen Besuch der Gedenkstätte. Im Vorfeld wurde eine Spendenaktion gestartet, um jene zu unterstützen, die sich die Teilnahme sonst nicht leisten könnten. Dabei kamen über private Spender mehr als 16.000 Euro zusammen. Die Summe wurde jetzt von der Bethe-Stiftung in Köln verdoppelt.

 

„Ein derart besonderes Programm verdient Anerkennung und Unterstützung“, kommentierte Kuratoriumsmitglied Klaus Orth bei seinem Besuch in Bensheim. Im Forum der GSS betonte er vor Mitgliedern aus beiden Schulleitungen, Lehrern und Schülern, wie wichtig es sei, eine lebendige Erinnerungskultur zu pflegen und zu verteidigen – in einer Zeit, in der das Gedächtnis an die deutsche Geschichte aus mehreren Ecken starken Gegenwind und eine wachsende politische Geringschätzung erfahre.

 

Da die Zeitzeugen von einst bald komplett verschwunden sein werden, sei es umso wichtiger, dass die heutige Generation dazu beiträgt, das Wissen und die humanistische Botschaft in die Zukunft zu tragen. „Es braucht daher möglichst viele Zweit-Zeugen“, appellierte Orth an die Schüler aus Bensheim, weiterhin Verantwortung zu übernehmen, Wissen weiter zu tragen und sich für den Dialog zwischen Israel und Deutschland zu engagieren.

Neben guten Absichten benötige es aber auch kreative Ideen und konkrete Projekte. Die Stiftung, die neben Einrichtungen und Initiativen für Kinderschutz (darunter Kinderhospize) und der Obdachlosenhilfe auch Projekte der Erinnerungskultur unterstützt, hat das Prinzip der Spendenverdopplung aus den USA adaptiert: Es soll die Motivation vor Ort gleichzeitig steigern und belohnen und die Bevölkerung ermutigen, an der Umsetzung einer menschlicheren Gesellschaft aktiver mitzuwirken, so Klaus Orth.

 

Mit einem Grundstock von rund 1,5 Millionen Euro hatte das erfolgreiche Unternehmerpaar Roswitha und Erich Bethe 1996 die Stiftung gegründet, deren Stammkapital sich seither vervielfacht hat. Zu den förderungswürdigen Themen gehören auch die Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte und die Unterstützung von Flüchtlingsprojekten und Integrationsmaßnahmen. Inzwischen hat die Bethe-Stiftung über 30 Millionen Euro ausgeschüttet.

Geplant und durchgeführt wird die Begegnungswoche von Fachbereichsleiter Stefan Trier (politisch-gesellschaftliches Aufgabenfeld) an der GSS sowie seinem Kollegen Peter Ströbel und der AKG-Fachbereichsleiterin Andrea Klein. Trier dankte der Stiftung für die finanzielle Hilfe und kündigte an, dass an den Schulen weitere Spendenaktionen folgen werden. Denn für die Bensheimer bedeutet die Organisation des Schülerprogramms einen erheblichen Aufwand, so der Israelbeauftragte der kooperativen Gesamtschule. Die Sicherheitsauflagen seien sehr hoch, da die Bedrohungslage (durch die Terroranschläge der Hamas und den Krieg in Gaza) weltweit akut ist.

 

Bei den Treffen seien in kürzester Zeit viele Bindungen und Freundschaften entstanden, heißt es aus den beiden Schulen. Der Besuch der israelischen Gäste ermögliche einen für alle prägenden Dialog und Austausch zwischen jungen Menschen weit über Sprachen, Kulturen und Religionen hinaus. „Aus Distanz wurde Nähe, aus Fremden wurden Freunde“, so Schulleiterin Nicola Wölbern vom AKG. Das Modell der Holocaust Education weite den Blick und lehre Verantwortung für heute und morgen nach dem Motto „Erinnern, Verstehen, Handeln“.

 

„Aus Distanz wurde Nähe, aus Fremden wurden Freunde“

 

GSS-Schulleiter Thomas Stricker betonte die pädagogisch-organisatorische Zusammenarbeit der Bensheimer Schulen als richtig und wichtig. „Es ist sinnvoll, diese Aufgabe auf mehrere Schultern zu verteilen“, so sein Dank an die Kollegen vom AKG. Ziel müsse sein, durch die Spendengelder möglichst jedem Schüler – aus Israel und Bensheim – einen Besuch der Gedenkstätte zu ermöglichen. Auch muslimische Jugendliche dürften bei dem Projekt nicht vergessen werden. Stricker spricht von gut angelegtem Geld. Durch die gesammelten und verdoppelten Mittel können die Kosten für den Besuch der Gedenkstätte pro Schüler erheblich reduziert und die vielfältigen gemeinsamen Aktivitäten im Rahmenprogramm mitfinanziert werden.

 

Der Förderverein „Freunde der GSS“ bezeichnet das Programm als wertvolle Bildungsarbeit, die weit über den herkömmlichen Unterricht hinausgehe. Daniela Jahn und Stefanie Dreher freuten sich über ein wachsendes Netzwerk an Partnern, zu dem neben dem Projekt „Bensheim lebt Demokratie“ und weiteren nun auch die Bethe-Stiftung gehöre. Der Förderverein unterstützt die schulische Entwicklung, sei selbst aber keineswegs nur Dienstleister und Spendensammler, so Stefanie Dreher: Man verstehe sich als Kreis engagierter Eltern, die sich für demokratische Werte und den Austausch der Kulturen zum Wohle einer friedlichen Zukunft einsetzen. „Deshalb begrüßen wir internationale Begegnungen jeder Art.“

 

Die Schülerschaft wurde von Florian Czyrt und Emma Stanzel vertreten. „Wer in Auschwitz war, der schaut nicht mehr weg“, so die Jugendlichen über die Folgen des Besuchs einer Gedenkstätte. Dies sei elementar in einer Zeit, in der sich zwölf Prozent der 18- bis 29-Jährigen unter Begriffen wie Shoa oder Holocaust nichts vorstellen können. Auch mit der Kenntnis um die Opferzahlen der NS-Zeit sei es schlecht bestellt. Das Bensheimer Bildungsprogramm baue Vorurteile ab und Freundschaften auf, so die Oberstufenschüler.

Klaus Orth kündigte an, dass die Bethe-Stiftung ihre Ressourcen für das Themenfeld Erinnerungskultur künftig weiter erhöhen wolle. Seit 2010 fördert die Stiftung Schülerreisen in ehemalige Vernichtungsstätten der Nationalsozialisten. Die Mittel dafür werden nun aufgestockt: rund zwei Millionen Euro im Jahr sollen über die nächsten fünf Jahre hinweg gezielt für Fahrten zu Gedenkstätten reserviert werden.

 

Der hessische Kultusminister Armin Schwarz hatte beim Scholl-Forum Anfang November gesagt, dass er einen verpflichtenden Besuch von Gedenkstätten ablehne. Stefan Trier kommentierte diese Aussage am Freitag kritisch. Auch einige Bensheimer Schüler sehen das Thema differenzierter und würden eine verpflichtende Regelung durchaus befürworten.

In Bayern ist der Besuch eines Erinnerungsorts ab der 9. Jahrgangsstufe an Gymnasien und Realschulen ein Muss, für Mittelschulen wird es ausdrücklich empfohlen. So sollen die im Unterricht behandelten Inhalte konkret vertieft werden. Auch im Saarland gilt diese Pflicht seit Dezember 2024. Die Frage einer Besuchspflicht entscheidet jedes Bundesland selbst, denn Bildung ist Ländersache.

Alle 16 Länder empfehlen zumindest den Besuch einer KZ-Gedenkstätte. In Hessen hatte die Landesschülervertretung wiederholt verpflichtende Besuche von Gedenkstätten und historischen Stätten der NS-Zeit eingefordert. Nur durch die direkte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit könne man junge Menschen sensibilisieren, die Demokratiebildung stärken und eine Wiederholung der Geschichte verhindern. Die hessischen Parteien sind sich bei dem Thema noch nicht einig.

 

Thomas Tritsch (im Bergsträßer Anzeiger vom 2.2.2026)

Die Gedenktafeln – ein Schülerprojekt

2012 engagierten sich zwei junge Lehrkräfte gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern für die Erinnerung an NS-Gewalt und Judenverfolgung.

2012 engagierten sich zwei junge Lehrkräfte gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern für die Erinnerung an NS-Gewalt und Judenverfolgung.

Der Studienreferendar Alexander Regel initiierte für den 9. November eine lokalhistorische Spurensuche: Oberstufenschüler führten gemeinsam mit Dr. Kilthau vom Synagogenverein Zwingenberg Schüler aus fünf neunten Klassen des AKG an verschiedene Stationen in der Bensheimer Innenstadt.

Paula Sippel, Studienreferendarin im Fach Kunst, nahm eine Anregung des Kunstpädagogen Jochen Burhenne auf und knüpfte an die Recherchearbeit des Historikers Matthias Gröbel an.

Beim Studium alter Klassenbücher hatte er 16 ehemalige Schüler jüdischer Herkunft entdeckt, die das Gymnasium an der Wilhelmstraße besucht hatten und später Opfer der antisemitischen Terrorherrschaft im Dritten Reich wurden. Sie hatten die Deportationen nach 1941 nicht überlebt. Es waren vor allem die älteren Jahrgänge, die sich vor der Vernichtung nicht retten konnten. Der älteste ermordete ehemalige jüdische Schüler wurde 1863 geboren – zu einer Zeit, als Bismarck gerade preußischer Ministerpräsident geworden war. Matthias Gröbel berichtet im Jahresbericht des AKG 2013/14über seine Forschungsergebnisse (S. 38-45).

Frau Sippel leitete das Projekt zu diesem Thema im Sommer 2012. Es war insgesamt fächerübergreifend angelegt (Geschichte, Politik, Kunst). Ihr Ziel war es, mit heutigen AKG‐Schülern das Schicksal der ehemaligen jüdischen Schüler in Form einer Gedenkplatte künstlerisch zu bearbeiten.

Die Gedenktafel wurde am 8. November 2013 der Schulgemeinde übergeben (Bericht des Bergsträßer Anzeigers vom 9.11.2013).

Zusammen mit der Bronzetafel  (55,5 cm x 41 cm), die neben bildhaften Elementen die Aufschrift „Unseren jüdischen Mitschülern“ trägt, wurde im Treppenhaus eine Informationstafel angebracht, die über die Namen und Lebensdaten der 16 ehemaligen Schüler informiert.

Foto: Paula Sippel und Felix Richter erläuterten die Entstehung und Gestaltung der Bronzetafel (Thomas Neu, Bergsträßer Anzeiger v. 13.11.2009)

Ermordet, weil sie Juden waren

Ein Besucher des AKG begegnet im Treppenaufgang den hier abgebildeten Bronzetafeln. Sie erinnern an ehemalige Schüler, die zwischen 1941 und 1945 als Juden verfolgt, verschleppt und ermordet wurden.

Robert Bruck

* 16. September 1863 in Offenbach, gestorben am 6. Februar 1942

Leopold Laufer

* 20. Dezember 1865 in Nordheim, gestorben am 9. März 1943 im KZ Theresienstadt

Ludwig Guthorn

* 31. Juli 1869 in Schwanheim, gestorben am 16. Oktober 1942 im KZ Theresienstadt

Moritz Bamberger

* 8. November 1869 in Seeheim, gestorben am 14. Oktober 1942 im KZ Theresienstadt

Gustav Wolf

* 25. Februar 1873 in Bickenbach, gestorben am 27. November 1942 im KZ Auschwitz

Abraham Bendheim

* 2. September 1877 in Bensheim, gestorben am 29. Juli 1941 im Internierungslager Rivesaltes

Jakob Jaffa

* 2. März 1878 in Bensheim, deportiert am 3. März 1943 in das KZ Auschwitz

Zacharias Bendheim

* 31. März 1879 in Bensheim, gestorben am 14. November 1943 im KZ Auschwitz

Salomon (Sally) David

* 31. August 1880 in Alsbach, Freitod am 19. Juli 1940 in Darmstadt

Hugo Hahn

* 17. Mai 1884 in Auerbach, deportiert am 11./12. November 1941 in das Ghetto Minsk

Max Jaffé

* 2. Oktober 1885 in Lorsch, deportiert am 13. Juli 1942 in das KZ Auschwitz

Arthur Mayer

* 20. Januar 1888 in Seeheim, gestorben am 28. Februar 1945 im KZ Auschwitz

Alex Lewin

* 5. Oktober 1888 in Adelsheim, deportiert 1942 in das KZ Auschwitz

Hermann Oppenheimer

* 23. Juni 1889 in Bensheim, deportiert am 11./12. November 1941 in das Ghetto Minsk

Gustav Abraham

* 25. Oktober 1890 in Lorsch, deportiert am 16. September 1942 in das KZ Auschwitz

Siegmund Abraham

* 27. September 1892 in Lorsch, deportiert am 16. September 1942 in das KZ Auschwitz

Weitere Informationen zur Geschichte des Gymnasiums in Bensheim präsentiert eine Dauerausstellung im zweiten Stock des Schulgebäudes.

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