Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

Diese Hinweise finden sich in der Fahndungsliste, die am 14. April 1836 vom Frankfurter Bundestag erstellt wurde. Amand Appiano aus Bensheim war einer von 29 Männern, die auf dieser Nachtragsliste verzeichnet sind. Mit zwei anderen Listen wurde schon zuvor nach über 180 Personen aus ähnlichen Gründen gefahndet. Eine von ihnen war übrigens der Dichter Heinrich Heine. Eine andere Georg Büchner aus Darmstadt. Amand Appiano gehörte zum Umfeld der von Büchner in Gießen 1834 gegründeten "Gesellschaft der Menschenrechte".

Leider gibt es kein Bild von Amand Appiano. Statt dessen wird hier der Steckbrief, der am 30. September 1835 in der Großherzoglich-hessischen Zeitung veröffentlicht wurde, abgedruckt. Appiano wurde wegen seiner Beteiligung an Herstellung und Verteilung des von Georg Büchner verfassten Hessischen Landboten im Großherzogtum Hessen und den anderen deutschen Bundesstaaten gesucht 

Franz Joseph Amand Appiano, am 7. Oktober 1812 geboren, war der Sohn des katholischen Bensheimer Kaufmanns Jakob Appiano. Jakob Appiano kam 1809/10 zusammen mit seiner Frau Magdalene, geb. Schlink, aus Aschaffenburg nach Bensheim. Amand Appiano war das zweite von ingesamt sechs Kindern. Sein Vater Jakob war in den 1830er Jahren erster Beigeordneter in Bensheim. 1840, am Ende der Amtszeit von Bürgermeister Adam Fertig, leitete er sogar einmal bis zur Amtseinführung des neuen Bürgermeisters dessen Amtsgeschäfte. Danach verließ die Familie Appiano Bensheim. Warum und wohin ist unbekannt. Aber nicht auszuschließen ist, dass die Verfolgung des Sohnes einer der Gründe dafür war. Ihr freigewordenes Wohnhaus in der heutigen Bahnhofsstraße, das sogenannte Appiano‘sche Haus, wurde 1840 zum neuen Domizil des Bensheimer Gymnasiums, das vorher in einem oberen Stockwerk des Hospitals untergebracht war.

Schüler in Bensheim, dann Student in Gießen

Amand Appiano besuchte das Bensheimer Gymnasium bis 1830. Am 4. November 1830 immatrikulierte er sich für das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Gießen. Am 9. Mai 1832 schrieb sich der zu diesem Zeitpunkt knapp 20jährige Appiano an der Universität Heidelberg ein, um auch dort Rechtswissenschaften zu studieren. Aber schon ein Jahr später ging er zurück nach Gießen. Am 6. Mai 1833 erneuerte er dort seine Immatrikulation, wurde aber nach dem Sommersemester 1834 nicht mehr im Gießener Personenstandsverzeichnis geführt. Vermutlich floh er im Sommer 1834 ins Ausland, nachdem die Landbotengruppe durch einen Spitzel verraten worden war und erste Verhaftungen stattgefunden hatten.

Verbindungen zu Georg Büchner

Was Amand Appiano veranlasste, sich der radikalen Partei um Georg Büchner anzuschließen, ist nicht bekannt. Die Ursachen für Appianos Radikalisierung dürften aber, wie bei vielen Studenten der damaligen Zeit, im burschenschaftlichen Verbindungswesen zu suchen sein. Nach dem Attentat des "schwarzen" Studenten Karl Sand auf August von Kotzebue im Jahre 1819 folgte mit den Karlsbader Beschlüssen das Verbot aller burschenschaftlichen Verbindungen. Aber seit dem Jahre 1828 bildeten sich an verschiedenen Universitäten erneut Burschenschaften mit dezidiert politischen Ansprüchen. Man wollte mindestens ein einheitliches Deutschland, eine Verfassung und das Ende des "Systems Metternich", d.h. die Aufhebung der Karlsbader Beschlüsse. Sowohl in Gießen als auch in Heidelberg gab es nach 1828 Verbindungen, die in der Tradition der deutlich radikaleren Gruppen aus der Zeit Karl Sands standen.

1832 nach Heidelberg

Als Amand Appiano 1832 von Gießen nach Heidelberg wechselte, konnte er dort eine Reihe von Studenten treffen, die später an den revolutionären Ereignissen in Hessen – 1833 Frankfurter Wachensturm, 1834 Druck und Verteilung des Hessischen Landboten – teilnahmen. So z.B. Georg Gladbach, der sich schon wenig später, Ende 1832, in Gießen immatrikulierte, wo er im Mai 1833 wegen seiner Beteiligung am Frankfurter Wachensturm verhaftet wurde. Oder die Brüder August und Joseph Gros sowie Johann Baptist Müller. Alle drei wechselten kurz nach Appiano an die Heidelberger Universität. In den Untersuchungsberichten der Bundesbehörden über die revolutionären Umtriebe in Oberhessen nach 1832 werden tatsächlich die Studenten Georg Gladbach, August Gros und Johann Baptist Müller genannt, während Appiano hier noch keine Erwähnung findet.

Verteiler des "Hessischen Landboten"

Als dann nach 1835 die Behörden wegen des Hessischen Landboten ermittelten, stellten sie fest, dass zu dem für dessen Herstellung und Verteilung verantwortlichen Kreis neben Georg Büchner auch die Studenten Franz Joseph Amandus Appiano, August Gros und Johann Baptist Müller gehörten. Appiano wurde in Verhören als einer derjenigen genannt, die den Hessischen Landboten an bestimmten Depots abholten, um ihn weiter zu den Verteilern zu transportieren. In einer Aussage heißt es:

"Sonntags darauf kamen 2 Studenten ein gewisser Clemm u. einer Namens Appiano aus Giessen. Diese beiden Studenten nahmen mir einen großen Theil der mir von Zeuner überbrachten Schriften ab u. packten dieselben in 2 Pakete. Das eine adressierten sie an den Appellationsrath von Hellmuth u. das andere an einen gewissen Advokaten, dessen Namen mir aber entfallen ist. Sie packten nun selbiges in ihre Chaise..."

Wie sah Appianos weiteres Schicksal aus? Spätestens im Sommer 1835 ist er, wie auch Büchner, als Flüchtling in Straßburg nachweisbar. Karl Vogt, der berühmte Zoologe, damals ebenfalls Flüchtling, traf ihn dort. Für ihn war Appiano "der kleine Appel, ein energischer kleiner schwarzer Kerl, der sich immer auf krumme Säbel schlagen wollte." Von Straßburg reiste er im Oktober 1836 weiter nach Châlons sur Marne, wo Appiano als Buchbinder gearbeitet haben soll. Schließlich kam er nach Metz, erhielt am 18. Januar 1851 eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung und lebte vom Musikalienhandel. Mit Politik beschäftigte er sich, so weit man weiß, in seinem weiteren Leben nicht mehr. Amand Appiano starb am 3. Dezember 1862 in Metz. 

(Matthias Gröbel)

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