Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

Professor Joachim-Felix Leonhard berichtete vom ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess, den er als Schüler miterlebt hat

Bensheim. Das war kein nüchternes Referat eines Historikers vor distanzierter Zuhörerschaft. Hier berichtete – über 50 Jahre zeitversetzt – ein 18-jähriger Oberstufenschüler vor Gleichaltrigen aus der gleichen Schule.

Denn so jung war Joachim-Felix Leonhard am 25. März 1965, als er gemeinsam mit Klassenkameraden und Lehrern des Alten Kurfürstlichen Gymnasiums einen Tag lang den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess beobachtet hat. Eindrücke, die sich im Gedächtnis der Jugendlichen für immer eingebrannt haben.

Beim 116. AKG-Forum sorgte Leonhards leise, aber sehr emotionale und aufwühlende Reminiszenz an die Opfer des Nazi-Terrors für gebannte Stille in der dicht besetzten Schulmensa. Präzise schilderte er die starren Mienen der Angeklagten im Gerichtssaal des Gallus Saalbaus, wo insgesamt 22 ehemalige SS- und Gestapo-Mitglieder des Konzentrationslagers Auschwitz jede Form von Verantwortung ablehnten und sich als servile Befehlsempfänger stilisierten, die an der systematischen Ermordung der Gefangenen keinerlei Schuld trügen.

Für die Zeugen, die die Lagerhaft überlebt hatten, waren die Aussagen äußerst belastend. Sie durchlebten nach 20 Jahren die schrecklichen Ereignisse noch einmal.

Nur schwer zu ertragen

Es war der 145. von 183 Verhandlungstagen. Auf Initiative der Lehrer Hans-Jörg Geißler und Volker Claus reiste eine kleine Gruppe Bensheimer Schüler nach Frankfurt. „Das war eine Einladung, keine organisierte Klassenfahrt“, so Professor Joachim-Felix Leonhard, der sich Jahre später als Historiker auch wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt hat. Im Saal seien die detailreichen Berichte von Zeugen über das menschenverachtende Vorgehen der SS-Männer in Auschwitz schwer zu ertragen gewesen.

Bereits kurz danach hält Leonhard seine Gedanken in einem Artikel für die damalige AKG-Schülerzeitschrift „Kurfürst“ fest: „Ratlos und fassungslos“ habe ihn der Tag wegen des geschilderten Grauens zurückgelassen. Und weiter: „Alle redeten nur von Befehlen und Anordnungen“.

Der Auschwitz-Prozess war ab 1963 der erste und bislang größte Strafprozess in Deutschland, der auf Basis von Ermittlungen deutscher Staatsanwaltschaften vor einem deutschen Gericht geführt wurde. Er bot Überlebenden als Zeugen erstmals die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit eines Gerichts über die Geschehnisse im Lager zu sprechen. Die Aussagen von 318 Zeugen wurden vom Gericht auf Tonband aufgezeichnet und nach dem Ende des Prozesses von Hessens Justizminister Lauritz Lauritzen (SPD) vor der Vernichtung bewahrt. Fast 50 Jahre später wurden sie von Mitarbeitern des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts aufbereitet und im Internet frei zugänglich bereitgestellt.

Tondokumente bleiben erhalten

Im Oktober 2017 wurden sie ins Weltdokumentenerbe „Memory of the World“ der Unesco aufgenommen. Leonhard hatte sich dafür als Vorsitzender des deutschen Nominierungskomitees erfolgreich eingesetzt. „Die Zeitzeugen werden weniger, die Tondokumente bleiben“, so der Staatsekretär a.D. für Wissenschaft und Kunst, der in Lorsch aufgewachsen ist und später unter anderem als Direktor der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv Frankfurt und als Generalsekretär des Goethe-Instituts gewirkt hat. In digitalisierter Form sei das Tonarchiv auch im Schulunterricht oder zur historischen Recherche leicht nutzbar, so Joachim-Felix Leonhard an seiner alten Schule, wo drei der Aufnahmen präsentiert wurden.

„Bestie von Auschwitz“

Bei der Urteilsverkündung, die am 19. August 1965 begann, erhielten sechs Angeklagte eine lebenslange Haftstrafe. Darüber hinaus wurden zehn Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb und 14 Jahren und eine zehnjährige Jugendstrafe ausgesprochen. Drei Angeklagte wurden aus Mangel an Beweisen in die Freiheit entlassen. Eine lebenslange Haft plus 15 Jahre Zuchthaus hatten die Richter um den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der für das Zustandekommen des Auschwitz-Prozesses verantwortlich war, für Wilhelm Boger vorgesehen. Seine sadistische brutale Art brachte ihm den Beinamen „Bestie von Auschwitz“ ein.

Hitlergruß im Gerichtssaal

Eine von Bogers für die Justiz wichtigen Aussagen erlebten die Bensheimer Schüler an diesem Tag zufällig mit: Erstmals gestand er, zwei Häftlinge selbst erschossen zu haben. „Er beleidigte Zuhörer und Zeugen, hob die Hand zum Hitlergruß“, erinnert sich Leonhard, der die Zeugin Dounia Zlata Wasserstrom zitierte, die im November 1944 in Auschwitz gesehen hatte, wie Bogner ein Kind „von vier oder fünf Jahren“ mit voller Wucht an eine Lagerwand geworfen hatte und ihr befahl, „das an der Wand“ abzuwischen. Das Kind war sofort tot.

Joachim-Felix Leonhard erinnerte im AKG daran, dass Fritz Bauer als Leiter der Anklagebehörde das Zustandekommen des Prozesses auch gegen Widerstände vorangetrieben hatte. Der Jurist sei sich über öffentliche Anfeindungen im Klaren gewesen. In nicht wenigen Teilen der Wirtschaftswunder-Gesellschaft habe es damals den Ruf nach einem Schlussstrich gegeben. Mit diesem Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte wollten sich viele nicht beschäftigen. Und nicht wenige derer, die einst mit NS-Parteibuch im Justizdienst gearbeitet hatten, waren nach Kriegsende wieder in vergleichbare Ämter gelangt.

Leonhard erinnerte in seinem Vortrag auch an die Nürnberger Prozesse und den Eichmann-Prozess, für die der zeitweise in Bensheim lebende Rechtsextremist und Holocaust-Leugner Manfred Roeder das Vorwort geschrieben hatte. Er war, bevor er die Zulassung verlor, Rechtsanwalt von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß. Auch heute würden wieder Stimmen laut, die die geschichtliche Qualität des Orts in Frage stellen, so Leonhard einen Tag nach dem Jahrestag der Auschwitz-Befreiung am 27. Januar 1945.

Schulleiterin Nicola Wölbern dankte dem Zeitzeugen für seine Ausführungen, die in dialogischer Form mit den Schülern fortgesetzt wurden.