Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

Zeitzeugengespräch: Film zeigt Haltung gegen das DDR-Regime / Sondervorstellung im Luxor-Kino mit Zeitzeuge Karsten Köhler

Autor: Thomas Tritsch. Bensheim. Fünf Minuten lang sagten Karsten Köhler und seine Mitschüler kein einziges Wort. Fünf endlose Minuten. Der Sekundenzeiger an der Wand schleppte sich mühsam im Kreise. Es war Herbst 1956, und der Mut dieser DDR-Oberschüler war ein stilles Zeichen der Solidarität mit den ungarischen Freiheitskämpfern. Ein Signal mit existenziellen Folgen.

Im Geschichtsunterricht von Herrn Mogel an der Kurt-Steffelbauer-Oberschule in Storkow wurde am 29. Oktober Geschichte gemacht. 60 Kilometer südöstlich von Berlin, im damals modernsten Schulneubau des Staats. Keine kalte Drillkaserne, sondern ein schmucker Pavillon am See. 120 Schüler in vier Klassen. „Was weißt Du über die Haltung der SPD zum Ersten Weltkrieg? Wie reagierte der Spartakusbund?“ wurde Köhler, damals 17, an diesem Tag von seinem Lehrer gefragt. „Er stand auf, stellte sich neben die Bank und sagte gar nichts. Ein Schweigen im Namen der Freiheit. Im Namen der Menschen des Ungarn-Aufstands, die gegen die anrollenden sowjetischen Panzer keine Chance hatten.

Film zum achten Mal gesehen

„Es ging mir ganz mies“, so der 79-Jährige über seinen zweitägigen Besuch bei den Dreharbeiten zu „Das schweigende Klassenzimmer“. Alte Erinnerungen standen plötzlich lebensgroß vor ihm. Regisseur Lars Kraume hat die wahre Geschichte der Klasse verfilmt. Premiere war wie berichtet bei der Berlinale im Februar dieses Jahres. Am Donnerstag fand im Bensheimer Luxor-Kino eine Sondervorstellung statt, bei der auch Karsten Köhler im Saal saß. Für den damaligen Klassensprecher war es das achte Mal, dass er den Film sah. „Ich entdecke immer wieder neue Details“, sagt er in der Stadt, in der er sein Abitur gemacht hat, nachdem er und 15 seiner Mitschüler die DDR über Nacht verlassen hatten. Die gesamte Klasse wurde kollektiv vom Abitur ausgeschlossen, weil keiner den „Rädelsführer“ verraten wollte. Eine Hand voll junger Leute bewies Haltung. Doch das System hat Zähne gezeigt. Der Staat fraß seine Kinder. Klassenkampf im Klassenzimmer.

Noch heute weckt der Film Emotionen bei dem Mann aus Görlsdorf bei Luckau. Damals waren die Schüler zunächst im bischöflichen Konvikt in Bensheim untergekommen, nach einigen Monaten folgte der Umzug in die Villa Orbishöhe in Zwingenberg. Am Bensheimer Aufbaugymnasium, das später mit der Rodensteinschule zur Geschwister-Scholl-Schule wurde, machte ein Großteil der Flüchtlinge 1957 ihr Abitur. „Wir waren heilfroh, nach Bensheim zu kommen“, berichtet Köhler über eine entscheidende Wende in seiner Biografie. „Das war der Start in ein neues Leben, in unser zweites Leben.“

Eine Nachricht vom westlichen „Feindsender“ RIAS Berlin löste einen Erdrutsch aus. 24. Oktober: „Tausende und Abertausende Studenten, Arbeiter und Soldaten demonstrierten seit gestern Abend für Freiheit und Unabhängigkeit ihres Landes.“ Einige Schüler wollen ihre Solidarität beweisen. Auch für den berühmten ungarischen Fußballer Ferenc Puskás, der während des Aufstands umgekommen sein soll. Eine Fehlmeldung, wie sich später herausstellen sollte.

Dietrich Garstka verstorben

Einer davon war Karsten Köhler, ein anderer Dietrich Garstka, der über die prägenden und lebensverändernden Folgen dieser Aktion ein Buch schreiben sollte. Das Buch, das nun verfilmt wurde. Garstka ist in der vergangenen Woche gestorben. „Er wollte in Bensheim dabei sein“, erklärt der ehemalige Schulkollege betroffen. Garstka hatte für sein 2006 erschienenes Buch auch in Stasi-Unterlagen recherchiert. Der Kontakt untereinander war niemals abgerissen. Noch heute treffen sich die Schüler alle zwei Jahre. „Die Abstände werden kürzer, weil wir älter werden“, so Köhler. Nach dem Abitur hatten sich alle in ganz Deutschland verteilt. Keiner war in Bensheim geblieben. Dennoch habe sich die Phase an der Bergstraße in alle Lebensläufe eingebrannt.

Dramaturgische Freiheiten

Der Film erzählt die Geschichte wahrheitsgemäß, aber mit etlichen dramaturgischen Freiheiten. Handlungen und Charakterzüge der echten Personen werden auf verschiedene Filmrollen verteilt. Auf eine direkte Entsprechung von Person und Figur hat der Regisseur verzichtet. Dies sei mit Garstka und den anderen so besprochen gewesen. Für Karsten Köhler eine gute und richtige Lösung, um die Persönlichkeitsrechte der Einzelnen zu wahren und lange Diskussionen um die individuelle künstlerische Darstellung zu vermeiden. Auch der homosexuelle Onkel eines Schülers, bei dem die Klasse RIAS hört, ist rein fiktiv. Die Figur tritt stellenweise als Erzähler und historischer Kommentator der Ereignisse auf. In Wirklichkeit haben die Jugendlichen den Sender im Internat gehört. „Einer ist immer Schmiere gestanden“, so Köhler. Der Minister, der war echt.

Vom Minister beschimpft

Wochen nach der Gedenkminute kam Volksbildungsminister Fritz Lange in die Schule. Karsten Köhler erinnert sich noch genau, wie der knapp 1,65 Meter große Mann die Schüler beschimpfte. Spätestens jetzt war klar, dass es eng werden würde. Zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag und dem 30. Dezember reisten die Schüler in Gruppen zu dreien, vieren nach Berlin und über einen Verwandten von Dietrich Garstka, der Pfarrer war, ins Flüchtlingslager nach Marienfelde.

Später ging es weiter nach Bensheim. „Wir hatten Glück. Mit dem Mauerbau 1961 ging gar nichts mehr.“ Köhlers Familie kam ein halbes Jahr später nach in den Westen. Bei einigen anderen war es ähnlich. Manche haben ihre Verwandten nie wieder gesehen.

Das schweigende Klassenzimmer existiert noch. Einige der „Konterrevolutionäre“ haben sich niemals aus den Augen verloren. Im September 2018 steht das nächste Treffen an. Diesmal in Storkow. Karsten Köhler freut sich auf die Mitschüler. „Irgendwann kommt jeder Verbrecher an seinen Tatort zurück!“

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