Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

PRÄVENTIONSWOCHE AM AKG: Thema Sucht wurde in Workshops diskutiert / Neuntklässler im Dialog mit Betroffenen

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Bensheim. Eigentlich ist unser Belohnungssystem ein Geschenk der Evolution. Der Botenstoff Dopamin löst bei bestimmten Reizen Glücksgefühle und Zufriedenheit aus. Ein unscheinbarer Neurotransmitter versetzt den Mensch in Euphorie. Etwa bei elementaren überlebenswichtigen Aktionen wie Essen, Schlafen und Sex.

Über das Dopamin kommunizieren die Nervenzellen im Gehirn. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf Reize, die Befriedigung versprechen. Das Entstehen von Sucht basiert auf einer Fehlsteuerung des Belohnungssystems. Alkohol zum Beispiel löst kurzzeitig Wohlbefinden aus. Konsequenz: Die Nervenzellen hauen mächtig Dopamin raus. Etwa 200 Mal so viel wie gewöhnlich. Für das Gehirn ein verführerisch starkes Signal. Es speichert den Alkohol als wichtigen Reiz ab. Die Droge trickst das Hirn aus. Der Grundstein für das Suchtgedächtnis ist gelegt.

Die richtige Zielgruppe

„Sucht ist der Missbrauch eines fein austarierten Systems“, so Professor Dr. Thomas Rechlin. Der ärztliche Direktor der Heppenheimer Vitos-Klinik ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Und ein Stammgast bei der Präventionswoche des Alten Kurfürstlichen Gymnasiums, wo er gestern einen Workshop für alle neunten Klassen geleitet hat. Rechlin sprach über die Ursachen, Folgen und Therapie von Suchterkrankungen, die häufig sehr früh ihren Anfang nehmen. Meistens schon im Alter von 13 oder 14 Jahren. Es war also die richtige Zielgruppe, die dem erfahrenen Mediziner an den Lippen hing. Nach einem Fachvortrag am Dienstag war diesmal mehr Raum für den persönlichen Dialog mit Arzt und Betroffenen: Patienten aus der Klinik sprachen über Sucht-Biografien und führten den Schülern plastisch vor Augen, wie aus dem ersten Joint oder dem rituellen Feierabendbier eine existenzielle Gefahr wachsen kann. Bei Amphetaminen steigt die Dopamin-Ausschüttung sogar um das Tausendfache.

Den Präventionsgedanken der Themenwoche stellte Rechlin an den Anfang seiner Ausführungen: „99 Prozent der Kosten im Gesundheitssystem werden für die Behandlung und Heilung von Erkrankungen ausgegeben.“ Doch im Grunde sei die Medizin dazu da, um gesundheitliche Probleme zu vermeiden – auch wenn es in den Kliniken dann deutlich ruhiger zugehen würde.

Zunächst erläuterte der Neurologe und Psychiater die Teildisziplinen seines Fachs: Denn der Mensch bestehe nicht nur aus Körper, sondern aus ganz viel Psyche und Seele, was für das individuelle Wohlbefinden nicht weniger entscheidend sei. Geistige Balance und soziale Einbettung sind auch bei der Entstehung von Sucht wichtige Kriterien.

Vor allem in der Mitte des Gehirns setzen alle Drogen an. Dort manipulieren sie unsere Mechanismen für Genuss. Dr. Thomas Rechlin spricht – vereinfachend – von einem ständigen Kampf zwischen der Lust auf die Substanz (stoffgebunden oder nicht) und der Vernunft, die im Kopf ganz tief im Frontallappen verortet ist. Ein Streit zwischen den positiven Gefühlen und dem Wissen um den Schaden bei steigender Zufuhr.

Denn durch den Gewöhnungseffekt entwickelt der Körper gefährliche Toleranzen – der Kick benötigt eine stärkere Zufuhr des Suchtmittels. Der fein getaktete Abstimmungsprozess im Gehirn gerät durcheinander, und nicht selten außer Kontrolle. Wie komplex es in unserem Oberstübchen zugeht, verdeutlicht Rechlin in folgender Gleichung: „Es gibt dort oben mehr Nervenzellen als Sterne am Firmament.“

Ein Teufelskreis

Sucht ist demnach ein Teufelskreis, der von einem fehlgeleiteten Selbstbelohnungssystem ausgelöst und beschleunigt wird. „Jeder Mensch kann süchtig werden, aber nicht jeder ist gleichermaßen gefährdet, eine Suchterkrankung zu entwickeln“, verweist der Nervenarzt auf die Bedeutung von sozialen, familiären und persönlichen Faktoren. Sind diese Bereiche ausgeprägt und stabil, ist die Gefahr einer Abhängigkeit geringer, so Thomas Rechlin, der auch als Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Erlangen-Nürnberg lehrt. Auch eine permanente Selbstreflexion kann vorbeugend wirken. Es lebe der Frontallappen.

Schulleiterin Nicola Wölbern dankte Dr. Rechlin für die Mitarbeit bei der Präventionswoche, die unter anderen von Sonja Hayer-Lenz mitorganisiert wurde.

Suchtpatient: „Man muss den Ausstieg selbst wollen“

Im Rahmen der Präventionswoche hatten die neunten Klassen am AKG gestern auch die Chance, mit Suchtkranken ins Gespräch zu kommen. Aus der Vitos-Klinik waren Patienten zu Gast, die offen von ihrer Suchtbiografie berichteten und das Thema so aus einer anderen, unmittelbaren Perspektive beleuchtet haben.

Zum Beispiel ein 22-Jähriger Heppenheimer, der mit 16 das erste Mal Cannabis konsumiert hat. Aus dem ersten Joint, an dem neugierig gezogen wurde, entwickelte sich eine gefährliche Freundschaft. „Ich hatte keine Lust mehr auf Schule, ging lieber mit den Kumpels kiffen.“ Als Freunde möchte er die Clique rückblickend nicht bezeichnen, eher als „Interessengemeinschaft“.

Aus dem klassenbesten Schüler, das Abi vor Augen, wird ein lethargischer Jugendlicher, der täglich Gras für etwa 30 Euro inhaliert. Das Gymnasium spuckt ihn aus. „Nach der Realschule habe ich anderthalb Jahre lang nur gechillt!“

Die Eltern, bürgerliche Mitte, haben lange nichts mitbekommen. Der Sohn fängt die Briefe der Schulleitung ab. „Cannabis war mein ständiger Begleiter“, sagt er im Klassenzimmer. Irgendwann wird er mit einer Tüte Haschisch von der Polizei geschnappt, muss zur Strafe einige Sozialstunden leisten. Gelernt habe er daraus nichts.

Erst viel später spürt er, dass er die Kontrolle über sein Leben zu verlieren droht – und zieht die Notbremse. „Man muss den Ausstieg selbst wollen.“ Seit einer Woche nimmt er an einer Entwöhnungstherapie teil. Heute treibt ihn die Sehnsucht nach einem ganz normalen Leben an – mit Beziehung, Wohnung und Beruf. Er hätte mehr aus sich machen können, sagt er.

Früher wollte er Rechtsanwalt werden. Nach der Lehre zum Lagerlogistiker hatte ihn sein Arbeitgeber an die frische Luft gesetzt. Der wollte keinen Kiffer einstellen. Die Entgiftung sei schwierig, aber überlebenswichtig, sagt er nach den ersten Tagen in Heppenheim.

Er habe jetzt einen anderen Blick auf die Vergangenheit. „Ich habe mich nie als Drogensüchtigen empfunden.“

tr

(c) Bergsträßer Anzeiger, 26. Januar 2018